Dienstag, 29.03.2011

Tschernobyl Baby

Eine faszinierende Reportage auf den Spuren der Reaktorkatstrophe von Tschernobyl

"Können Sie sich noch an den 26. April 1986 erinnern?" Mit dieser Frage war die Journalistin Merle Hilbk 2008 und 2009 mehrere Monate in der Ukraine, Belarus und Russland unterwegs. Auf den Spuren der Reaktorktastrophe von Tschernobyl wollte sie wissen, wie die Menschen in den verstrahlten Gebieten mit der Katastrophe von damals leben.

Der GAU hatte die 1969 geborene Merle Hilbk zu einem politischen Menschen gemacht. Als politisch denkende Frau wurde sie so etwas wie ein Tscernobyl Baby. In Belarus trifft sie Mascha, die ihr ganzes Leben in der Nähe des Reaktors verbracht hat, sie wurde 1986 geboren, ein Tschernobyl Baby. Aber das bestimmende Gefühl, das die Autorin selbst mit der Katastrophe verbindet, das kann sie in der Sperrzone nicht finden. "Mit einem Gefühl, das ich in der Zone kaum gespürt habe, weil es dort niemanden gab, der es geteilt hätte. Weil alle, denen wir in der Zone begegnet sind, gleichmütig waren. Weil alle, die uns in ihre Häuser eingeladen haben, so beschäftigt mit dem Überleben waren, dass sie keine Kapazität mehr frei hatten für dieses in Deutschland so vertraute, so populäre Gefühl, dass es ständig in den zeitungen thematisiert wird. in Popsongs, in Filmen: der alte Affe Angst."

Ob Merle Hilbk auch Angst hat auf ihrer Reise? Der Geiger-Zähler immer dabei und schlägt immer wieder bedenklich aus. Größer aber als die Angst ist das Erstaunen darüber, wie das Leben in den Dörfern seinen Gang nimmt. Sie lernt Natascha, die Direktorin einer Dorfschule kennen, die an ihrem Dorf 50 Kilometer von Tschernobyl hängt und ihre Landschaft liebt. so sehr, dass sie sich vorstellen kann, hier eine Ferien-Pension für "Öko-Urlauber" zu eröffnen. "Die Deutschen lieben die Natur. Ach, ich glaube, dass es ihnen hier gefallen würde." Am Waldrand stehen Schilder, die vor der Radioaktivität warnen. Das Wasser im See ist radioaktiv verseucht - Kinder dürfen hier nicht baden ... Auf den einwand, dass die Deutschen vielleicht nicht kämen, weil sie angst haben, fragt Natascha: "Warum? Wir leben doch auch hier."

Merle Hilbks Reportage ist eine Reise zwischen den Welten. Zwischen der eigenen Geschichte, Erinnerungen und politischen Fragen an die deutsche Politik und den Menschen und dem Alltag in Belarus und der Ukraine, der Sperrzone, die der weißrussische Präsident wieder besiedeln will, um die Vergreisung der Bevölkerung zu stoppen.

Tschernobyl ist längst eine Chiffre für die schlimmste Atomkatastrophe vor Fukushima geworden. In Merle Hilbks faszinierender Reportage bekommt diese Chiffre menschliche Gesichter und wird zugleich zur Folie einer politischen Biografie. Absolut lesenswert!

 

Merle Hilbk, Tschernobyl Baby. Wie wir lernten, das Atom zu lieben, Eichborn Verlag 2011, 280 S., EUR 17,95