Wie bunt können wir sein?

oder: Warum wissen wir eigentlich so wenig über Unternehmerinnen, die (wieder) angestellt arbeiten?

Vor Jahren wollten eine freiberufliche Kollegin und ich gemeinsam eine Büroetage mieten. Raus aus dem einsamen Dasein im so genannten Home-Office in ein „richtiges“ Büro. Irgendwie wurde nichts draus. Wir verloren uns aus den Augen. Monate später trafen wir uns zufällig wieder. Ich hatte das Büro allein bezogen. Sie hatte in der Zwischenzeit eine feste Stelle als Texterin in einer Agentur angenommen und erzählte davon, als müsse sie sich dafür schämen. „Aber es ist doch so“, erwiderte sie auf meinen Einwand. „Selbstständigkeit, das klingt nach Freiheit und Selbstbestimmung. Jetzt bin in abhängig beschäftigt, klingt das nicht ziemlich unselbstständig?“

Wer aus der Selbstständigkeit ins Angestelltenverhältnis wechselt, auf den rollen die Bilder nur so zu. „Die Selbstständigkeit aufgeben“ klingt nach Scheitern. Ein solches vermutet man schnell, wenn aus einem Unternehmer oder einer Freiberuflerin Angestellte werden. Umgekehrt funktioniert das nicht. Oder kennen Sie die Formulierung: Sie ist in ihrem Job gescheitert, jetzt hat sie sich selbstständig gemacht. Wohl nicht (mal ausgenommen die Bilder rund um Gründungen aus der Arbeitslosigkeit). Gemeinhin ist die Rede vom mutigen Sprung ins kalte Wasser, vom Wagnis, von der Risikobereitschaft. Selbst bei denen, die scheinbar aus der Not gründen: Auch sie werden darin unterstützt, Unternehmergeist zu entwickeln. Und entdecken tatsächlich oft ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten.

Das Unbehagen bleibt. Selbstständigkeit vs. Angestelltendasein. „Dasein“ – klingt  auch nicht gerade dynamisch. Freiheit vs. Abhängigkeit. Da mutet es ungewöhnlich an, wenn die Journalistin Burgel Langer, die nach über 20 Jahren Freiberuflichkeit Lehrerin wurde, sagt: „Viele Kollegen haben mir zu meinem Mut gratuliert.“ Andere ernten eher Bedauern oder Mutmaßungen hinter vorgehaltener Hand. „Sie hat’s wohl nicht geschafft“, hörte Anke Rohn-Maas. „Hatte vermutlich zu wenig Aufträge.“ (s. Protokolle unten)
Dabei ist längst „nicht jeder Abbruch eine Pleite“, so der Titel einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Auch wenn die Empiriker hier die Abbrüche von öffentlich geförderten Gründungen aus der Arbeitslosigkeit beschreiben, so ist das Ergebnis dennoch spannend. 40 Prozent derer, die die Selbstständigkeit vor dem Ende der 3-jährigen ICH-AG-Förderung aufgaben, fanden einen neuen Job. „Sie waren wieder attraktiv für Arbeitgeber“, sagt Frank Wießner, der die Studie durchgeführt hat. „Und sie haben sich aus der Selbstständigkeit offenbar sehr rational und aus persönlichen Gründen für eine Alternative entschieden.“
Die Kölner Unternehmensberaterin Evelyn Brock, Inhaberin von FAIRE CARRIÈRE, kennt diese Phase aus ihrer Beratungsarbeit. „Ich probiere das erst mal aus“, sei eine immer häufiger anzutreffende Einstellung von Gründerinnen. „In den ersten Jahren gibt es einen gedachten Weg zurück.“ Denn angesichts der großen persönlichen Veränderungen mit der Gründung könnten viele erst im Alltag einschätzen, ob ihnen diese Rolle passt.

Dass gestandene Unternehmerinnen allerdings noch die Alternative „feste Stelle“ im Hinterkopf haben, glaubt Pia Bohlen-Mayen, seit 10 Jahren mit der Community-Agentur Xbyte in Erkrath selbstständig, indes nicht. „Unternehmerin zu sein, ist eine Lebensentscheidung. Und die muss ohne Rückkehr gedacht werden. Ohne Alternative. Sonst werde ich in jeder schwierigen Situation – und die erlebt jede Unternehmerin – an die Alternative denken. Eine schlechte Voraussetzung für Erfolg.“
Frank Wießner und Evelyn Brock kennen auch andere Beispiele. Da verkauft der erfolgreiche Diskothekenbesitzer seinen Laden nach vielen Jahren, weil er feststellt: Ich fühle mich dafür zu alt, das ist mir alles zu laut. Und arbeitet als angestellter Kaufmann „nine to five“. Da entscheidet sich die viel reisende freiberufliche Trainerin für eine Festanstellung, weil sie den beruflichen Alltag besser mit ihrer Familie vereinbaren will. Es sind die Lebensumstände, die die Entscheidung für oder gegen die Selbstständigkeit prägen. Zuweilen sogar stärker als der viel beschworene Unternehmergeist. Vielleicht geht der ja gar nicht verloren, sondern trifft einen Chef oder eine Chefin, die ihn zu nutzen wissen…

Dabei muss der Weg hin zu einer festen Stelle sensibel geplant sein. Denn die Bilder, die Selbstständigen vorauseilen, sind stereotyp. „Dass die Aufgabe eines Unternehmens nach Scheitern klingt, hat damit zu tun, dass viele immer noch glauben, alle Unternehmer verdienten viel Geld“, glaubt Evelyn Brock. „Also kann der Fall nur tief sein.“ Ein anderes Drama taucht spätestens im Bewerbungsgespräch auf: „Wer lange selbstständig war, gilt nicht unbedingt als teamfähig. Man glaubt, er oder sie wird sich schwer einfügen oder unterordnen können.“ Und wer die Selbstständigkeit dann noch aufgrund wirtschaftlicher Probleme aufgibt, betritt einen schmalen Grat: Erfolglosigkeit und Eigenwilligkeit bilden dann eine komplizierte Mischung im Fremdbild. „Wichtig für eine Bewerberin ist, eine Haltung einzunehmen. Wer sich aus der Selbstständigkeit heraus um eine Stelle bewirbt, sollte ganz genau überlegen: Wie erzähle ich die Geschichte?“ Auch eine Pleite und der Umgang damit lassen sich als professionelle und emotionale Leistung darstellen. Eine Aufgabe, die nach Meinung der Beraterin gar nicht so anders ist als die Frage nach der Motivation bei der Gründung z.B. aus der Arbeitslosigkeit. „Auch da reicht es nicht zu sagen ‚Ich habe eben keinen Job gefunden’, um Ziele zu entwickeln.“

Wie die Gründung ist also auch der Weg zurück ein großer Schritt und ein persönlicher Einschnitt. Für Pia Bohlen-Mayen ein Grund dafür, einen fließenden oder womöglich häufigeren Wechsel zwischen Erwerbsformen für reine Theorie zu halten. „Als Unternehmerin übernehme ich Verantwortung und die hängt man nicht einfach in den Wind, gibt sie nicht leichthin ab oder auf.“ Stichwort: Lebensentscheidung. „Wer wechselt, wechselt auch zwischen zwei Lebensformen“, sagt Pia Bohlen-Mayen. Sie beschreibt eine Erfahrung, die viele Unternehmerinnen machen: „Seit ich selbstständig bin, hat sich auch mein privates Umfeld verändert. Ich gehe mit meiner Zeit ganz anders um, meine Einstellung zu Arbeit hat sich verändert. Das Klagen derer, die angestellt sind, konnte ich sehr schnell nicht mehr ertragen. Heute klage ich über andere Dinge. Aber ich klage seltener!“

Es scheint so, als würden zwei Welten einander gegenüber stehen. Das Wirtschaftsmagazin brand eins hat dies im vergangenen Jahr (Heft 12/06 „Der deutsche Kampf gegen die Selbstständigkeit“) beschrieben. Wenn auch mit einer ganz anderen Wertung: Hier sind die Selbstständigen die Erwerbstätigen zweiter Klasse, die wie alle anderen auch Steuern zahlen, vom Sozialsystem allerdings nicht profitieren. Ob mehr staatliche Absicherung eine Annährung herbeiführen könnte?
„Vielleicht wäre es einfacher, von der Selbstständigkeit ins Angestelltenverhältnis zu wechseln, wenn in den Unternehmen flexiblere Arbeitsbedingungen herrschten“, überlegt Pia Bohlen-Mayen. „Wenn auch Angestellte mehr Verantwortung haben, eigenverantwortlich entscheiden und gestalten, dann könnte der Graben kleiner werden.“ Das funktioniert auch anders gedacht: „Wenn Selbstständigkeit etwas Selbstverständliches wird, dann sind auch Wechsel leichter denkbar“, sagt Evelyn Brock und wünscht sich klischeefreie Unternehmerbilder.
Und was sieht die Arbeitsmarktforschung? „Es gibt keinen Trend und es gibt keinen Mainstream“, sagt Frank Wießner. „Die Welt ist bunt. Die selbstständigen Frauen sind noch ein bisschen bunter.“


Protokoll: Anke Rohn, Personalentwicklerin
„Ich wollte auch die Personalpolitik mitgestalten“
Anke Rohn-Maas war freiberufliche Personalberaterin. Zu wenig wirkliche Veränderungen habe sie in dieser Funktion anstoßen können. Heute ist sie  Haupt- und Personalamtsleiterin einer Kommune.

„Ich war bis 2003 selbstständig als Personalberaterin und -trainerin und bin ab Juli 2003 als Führungskraft zurück in den öffentlichen Dienst gegangen, als Haupt- und Personalamtsleiterin in der Stadtverwaltung der Stadt Neukirchen-Vluyn.
Meine Entscheidung für den Wechsel wurde damals von verschiedenen Seiten sehr skeptisch beäugt. Es kursierte das Gerücht: Die hatte wahrscheinlich keine Aufträge mehr und musste sich deshalb eine Stelle suchen. Tatsächlich hatte ich schon länger zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits machte mir das selbstständige Arbeiten riesig Spaß und war erfolgreich. Andererseits fängt man als Beraterin immer wieder neue Projekte an, kann kaum nachhaltig arbeiten und nicht dafür sorgen, dass Veränderungen langfristig eingeführt werden. Als Freiberuflerin war ich auf die Beratung von Kommunen spezialisiert und begleitete dort u.a. Projekte zur Einführung von Qualitätszirkeln. Wenn der Auftrag beendet war, hatte ich keinen Einfluss mehr darauf, ob die Prozesse fortgesetzt wurden. Und das stellte mich nicht zufrieden.

Ich glaube – und erlebe -, dass man in einer Festanstellung mehr Einfluss auf die Veränderung der Institution oder Organisation nehmen kann. Ich habe bewusst eine Funktion gesucht, in der ich nicht nur in der Personalentwicklung arbeiten, sondern zugleich die Personalpolitik mitgestalten kann. Wertschöpfung und Wertschätzung sind für mich zentrale Aufgaben in der kommunalen Verwaltung.  Eine Verwaltung kann dabei unbedingt von unternehmerischer Erfahrung profitieren, davon bin ich sehr überzeugt. Umso mehr war ich irritiert, als ich in meinen ersten Bewerbungsgesprächen oft ein großes Misstrauen gegenüber dem Wunsch erlebte, die Selbstständigkeit wieder aufzugeben. Ich musste mich oft rechtfertigen.
Mit der Entscheidung für die Anstellung hat sich auch meine private Situation entspannt. Denn auch mein Mann war und ist freiberuflicher Berater, so dass wir unsere Treffen zunehmend in Hotels geplant hatten, nach dem Motto: Bist du am Datum x zufällig in der Nähe von Hamburg, dann lass uns doch zusammen ein Hotel suchen.
Aus meiner jetzigen Arbeite ziehe ich eine große Zufriedenheit. Ich controle ein Budget von jährlich 13 Millionen Euro, ich trage die Verantwortung für 360 Mitarbeiter, ich stoße Veränderungen an und sehe Erfolge.“

Protokoll: Burgel Langer, Journalistin und Lehrerin'
„Ich stellte mir vor, dass Schule heute etwas anderes sein könnte“
Burgel Langer war 15 Jahre lang freie Hörfunkjournalistin. Heute arbeitet sie angestellt als Lehrerin und unterrichtet an einem Abendgymnasium in Köln. Auch ihre erwachsenen Schülerinnen und Schüler haben eine wechselvolle berufliche Biografie und fangen neu an.

„Über 15 Jahre habe ich als freie Hörfunkjournalistin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet. Das hat prima funktioniert, ich habe immer lange politische Beiträge gemacht, im Schwerpunkt sozial- und frauenpolitische Themen. In den vergangenen Jahren wurde es schwieriger, diese Themen zu verkaufen. Einerseits stiegen die Anforderungen der Redaktionen bei der Zweit- oder Drittverwertung eines Beitrags, wovon wir Freien ja leben. Außerdem gab es viele kleine Programmstrukturreformen, wodurch Sendungen wegfielen, in denen meine Themen Platz fanden. Andererseits habe auch ich, wie viele Kolleginnen, die nicht mehr blutjung sind, erlebt, wie das Verständnis der jungen Redakteure und Redakteurinnen für unsere so genannten „schweren Themen“, schwindet. Die Tendenz in allen Medien lautet: Wir müssen jünger, frecher und flotter werden.
Dass ich in den letzten Jahren anfing, darüber nachzudenken beruflich etwas anderes zu machen, war ein eher schleichender Prozess. Ich habe zunächst an meinen Reaktionen gemerkt, dass ich etwas verändern muss. Ich wurde ungehaltener, wenn eine Redaktion ein Thema, von dessen Wichtigkeit ich überzeugt war, nicht sofort kaufte oder Änderungswünsche an einem Manuskript hatte, die mir nicht sinnvoll erschienen. So kann man nicht frei arbeiten. Wenn sich in den Sendeanstalten strukturell und inhaltlich etwas verändert, dann muss ich meine Arbeitsbedingungen ändern. Zuerst dachte ich, ich könnte, wie viele Kolleginnen das tun, meine Arbeit um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erweitern. Überzeugt hat mich das aber nicht.

Auf die Idee gebracht, an meinem ersten Beruf als Lehrerin anzuknüpfen, haben mich die Presseberichte zum Lehrermangel in NRW. Ich hatte nach dem Studium und vor meinem Hörfunkvolontariat das zweite Staatsexamen fürs Lehramt an Gymnasien abgeschlossen. Als ich 25 und mit dem Referendariat fertig war, fühlte ich mich zu jung für die Schule. Jetzt stellte ich mir vor, dass Schule heute etwas anderes sein könnte – zumal in einem anderen Bundesland und in einer anderen Schulform. Ich habe dann vertretungsweise an einem Abendgymnasium in Bonn gearbeitet. Es gefiel mir, Erwachsene zu unterrichten und ich habe mich schließlich um eine Stelle im Zweiten Bildungsweg beworben. Seit Februar 2006 bin ich Lehrerin für Deutsch und Geschichte.
Die Referendarin von vor über 20 Jahren erkenne ich in meiner heutigen Arbeit nicht wieder, als Journalistin kann ich aber durchaus Parallelen zu meinem alten Beruf erkennen: Es macht mir Spaß, Leuten etwas beizubringen, Denkanstöße zu geben und ihnen eine Welt zu eröffnen. Als Journalistinnen erarbeiten wir uns Themen und gestalten daraus einen Beitrag. Auch als Lehrerin muss ich mich fragen, wie ich Leute für Goethe oder die historische Entwicklung der Meinungs- und Pressefreiheit  begeistern kann. Diese Arbeit empfinde ich als äußerst sinnvoll. Und ich unterrichte Fächer, die vom Journalismus nicht all zu weit entfernt sind. Ganz verlieren will ich die journalistische Arbeit nicht, zwei oder drei schöne Radiofeatures im Jahr müssen noch sein.
Als freie Journalistin habe ich oft gedacht, dass ich gern eine regelmäßige finanzielle Sicherheit hätte, um den Kopf davon frei zu haben: Wie sichere ich meine Existenz? Auch wenn die Arbeit in der Schule nicht weniger anstrengend ist, die finanzielle Sicherheit gibt mehr Ruhe. Vielleicht hat das was mit dem Älterwerden zu tun. Ich bin jetzt 49 und hatte mir gesagt: Du musst es noch vor 50 schaffen, eine Festanstallung zu bekommen, wenn du das willst, danach ist es zu spät. Das hat geklappt und darüber bin ich sehr froh.“

(erschienen in: existenzielle 3/07 "Rollenwechsel")