„Barrierefreiheit ist unsere Nische“

Silke Emmrich, Gartenarchitektin und Landschaftsplanerin

„Wollen Sie in die Fachhochschule kommen oder nach Malgarten?“, will Silke Emmrich wissen. Was für eine Frage! Ein Gespräch mit Silke Emmrich muss in einem Garten stattfinden. Mitten in ihrem Thema.

Im ehemaligen Amtsrichterhaus auf dem Gelände des Klosters Malgarten im Osnabrücker Land lebt und arbeitet die Garten- und Landschaftsarchitektin, hier ist das Zuhause von Silke und Dirk Emmrich und ihren Hunden Sammy und Dustin. In ihrem Garten kann sie zeigen, was barrierefreie Gartenplanung ist, hierhin lädt sie Menschen ein, um über den Garten als Therapieort zu sprechen, an dem kranke oder ältere Menschen in den Alltag zurückfinden. Sie selbst arbeitet nicht therapeutisch, aber: „Ich kann sagen wie der Garten therapeutisch auf mich wirkt. Ich bin im Sommer eine andere als im Winter.“ Das zu verstehen fällt an diesem frühlingsgrünen Ort nicht schwer.

Silke Emmrich hat die Natur immer geliebt. Dass sie eine Ausbildung zur Staudengärtnerin machte und anschließend ein Studium der Landschaftspflege, lag nahe. Dass sie sich heute bundesweit als Expertin für barrierefreie Landschafts- und Außenraumplanung profiliert, hat mit dem Leben zu tun, das ihr „ein Schnippchen“ geschlagen hat.
1993 war es, als Silke Emmrich beim Helikopter-Snowboarden in eine Gletscherspalte stürzte. „Einmal im Leben wollte ich diesen dekadenten Sport machen“, erzählt sie. Sie räumte ihr Konto ab, flog in den Kaukasus und zögerte doch, als sie unterschreiben sollte, im Falle eines Unfalls auf sämtliche Ansprüche zu verzichten. Seit dem Absturz ist sie querschnittgelähmt. 10 Jahre lang dauerte der Rechtsstreit gegen die Reiseveranstalter, die das Skiing nicht versichert hatten. Bis zum Bundesgerichtshof wurde über den Präzedenzfall verhandelt. 2003 entschied sich Silke Emmrich schließlich zum Vergleich. „Ich hatte keine Kraft mehr“, sagt die heute 37-Jährige. „Unfallopfern würde ich in Deutschland eher dazu raten, nicht zu klagen. Der Prozess war teurer als die Entschädigung.“

„Man kann aus einer Lebenskrise eine Lebenschance machen“, lautet die Botschaft von Silke Emmrich, die von sich sagt, dass sie durch den Unfall auch ein christlicher Mensch geworden sei. Irgendwann nach der ersten Diagnose und der Angst vor einem Leben im Rollstuhl sei es möglich gewesen, nicht mehr nach dem ‚Warum’, sondern nach dem ‚Wozu’ zu fragen. „Vieles Schöne hätte ich ohne die Krankheit nicht erlebt.“
1997, direkt nach dem Studium, macht sich Silke Emmrich gemeinsam mit zwei ehemaligen Kommilitonen im Kloster Malgarten selbstständig. „Die Malgärtner“ bieten Garten- und Landschaftsplanung an, sie haben eine gute, wenn auch nicht immer einfache Zeit. 2002 teilen sie die Firma. „Die Branche ist schwierig“, sagt Silke Emmrich mit Blick auf ihre ehemaligen Geschäftspartner, die weiterhin freiberuflich im Garten- und Landschaftsbau arbeiten. „Wer nicht nur plant, sondern selbst anfängt zu buddeln, landet in einer Sackgasse.“ Sie selbst habe der Rollstuhl vor der Knochenarbeit bewahrt und ihr ermöglicht, sich auf ihre eigentliche Profession zu konzentrieren.

„Die Malgärtner“ führt Silke Emmrich heute gemeinsam mit ihrem Mann als Beratungs- und Planungsbüro. Dirk Emmrich ist Pflegewissenschaftler und außerdem Inhaber der Marke „menschplushund“. Zu ihm kommen Kunden, die ihren Hund verstehen und richtig erziehen wollen. Und das heißt nicht „abrichten“, sondern ausbilden und herausfordern. Silke Emmrichs Servicehund Sammy, ein Bordercollie, ist dabei ein hervorragendes „Role-Model“ für Hunde, die eine Aufgabe brauchen.

„Barrierefreiheit ist unsere Nische“, sagt Silke Emmrich über die Zusammenarbeit mit ihrem Mann. Aus unterschiedlichen Disziplinen kommend, begegnen sie sich dort, wo sie nach Wegen suchen, Räume, Produkte und Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten. Eine Rollstuhlfahrerin strahlt bei diesem Thema Glaubwürdigkeit aus. Die Landschaftsplanerin berät Kommunen und Institutionen, die diesbezüglich gesetzliche Auflagen zu erfüllen haben. Sie hält Vorträge, veröffentlicht, sie plant Spielflächen, Parks oder private Gärten und weiß: „Ein barrierefreies Konzept muss innen und außen stimmen.“ Denn Barrierefreiheit ist viel mehr als das Fehlen von Treppen oder Bordsteinkanten. „Barrierefreiheit bezieht sich auf alle Tätigkeiten im täglichen Leben, die es dem Nutzer ermöglichen, eigenständig zu leben und möglichst wenig menschliche und technische Hilfe zu benötigen.“ Ein Ziel, das nicht nur Behinderten zugute kommen soll. „Jeder Mensch lebt im Laufe seines Lebens mit Einschränkungen, sei es durch viel Gepäck, Kinderwagen, Krankheit oder Alter.“ Wenn hier ein Perspektivwechsel gelänge, würde sich auch der Blick auf die Kosten für das Gemeinwesen relativieren.

Silke Emmrich ist Schmerzpatientin. Wenn sie von den attackenartigen Schmerzen erzählt, davon wie es sich anfühlt, wenn die Nerven verrückt spielen und ein elektrolytisches Feuerwerk abfeuern, ist kaum vorstellbar, wie sie ihr Pensum bewältigt. Neben der Freiberuflichkeit hat sie eine halbe Stelle an der Fachhochschule Osnabrück und leitet ein Mentoring-Programm für Studentinnen. Ab September wird sie dort für die Campusgestaltung verantwortlich sein. „Eine halbe Stelle ist für Leute wie mich eine gute Lösung“, sagt Silke Emmrich pragmatisch und weiß, „dass es vernünftig wäre, nur einen Job zu machen“. Aber die Selbstständigkeit will sie, die sich nie in der Rolle der Angestellten gesehen hatte, nicht aufgeben, auch wenn sie „argwöhnisch beobachtet“, dass es Tage gibt, „an denen ich streckenweise ausfalle“. Noch begegnet sie diesem Argwohn mit einer unbändigen Energie und einer zugleich beeindruckenden Gelassenheit.

Als Silke Emmrich nach der Diagnose Querschnittlähmung in ihr altes neues Leben zurückfand, begann sie zu entdecken, dass sie „unter den Rollstuhlfahrern eine Königin“ ist, dass sie durch den tiefen Querschnitt eine große Beweglichkeit und Unabhängigkeit hat. „Ich wollte herausfinden, was ich im Rollstuhl alles machen kann“, erzählt sie. Sie wurde Leistungssportlerin, spielte Basketball und begann zu Fechten. Fünf Jahre lang machte sie das, kämpfte bei Deutschen und Europa-Meisterschaften und gewann bei den Paralympics in Sydney eine Silber- und eine Goldmedaille. Der Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere und zugleich der Schlusspunkt. Dann war sie sicher, dass das Leben für sie noch viel mehr bereithält.

(erschienen in: existenzielle 2/07 "Erfinderinnen: Unternehmerinnen mit Handicap")